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Grad gedacht: 'Ankerwort' trifft es eigentlich ziemlich gut - hört sich aber auch doof an.
Ich frag mich, wie in der Gruppe https://www.openthesaurus.de/synonyme/edit/10148 die Sprachebenen-Zuordnungen zustande kommen: Da soll 'rammeln' umgangssprachlich sein, 'pimpern' rangiert eine Etage tiefer als derb, und 'vögeln' ist ganz unten, nämlich vulgär. Wer sagt das? Da dürften die Meinungen wohl erheblich auseinandergehen. Es gibt nun mal im Deutschen kein anderes Wort für 'vögeln', und auf solche Geziertheiten wie 'mit jemandem schlafen' und 'Sex haben' haben viele keine Lust. Grad gesehen: 'Titte' soll vulgär sein, nee, so geht das nicht, finde ich, da würd' ich doch noch mal schwer drüber nachdenken.

Es wäre allerdings die Frage, wie normale, unverklemmte Frauen das sehen. Das eine oder andere Wort kann möglicherweise einen sexistischen Beiklang haben. Aber selbst da wär die Frage, ob es die Wörter sind, die Anstoß erregen, oder die Sache selbst. Jedenfalls, da wo die deutsche Sprache keine positiv belegten Wörter hervorgebracht hat, alles klar beim Namen Genannte in den Giftschrank der Vulgaritäten zu sperren, erscheint mir eine recht grobschlächtige Verfahrensweise.

Sagt doch einiges aus über die deutsche Sexualmoral, und über die Genierlichkeit der Eintragenden...
Hej Julian, also 'legitim' ist hier ja alles mehr oder weniger. Ich denke, Papier- und Stofftaschentuch oder deklinieren / konjugieren sind funktionsähnlicher als Soll- und Istbestand. Wozu macht man Inventur? Um den Schwund, u.a., durch Diebstahl zu ermitteln. Da vergleicht man halt Soll- und Istbestand. Und das funktioniert nur deswegen, weil diese Inhalte funktionsverschieden sind. Ob ich mir mit einem Papier- oder mit einem Stofftaschentuch die Nase putze, ist im Ergebnis gleich. Wenn ich beliebige Lagerbestände mit einander vergleiche, erhalte ich sinnlose Ergebnisse.

Trotzdem lasse ich es erst mal so, mir fällt da auch keine optimale Lösung ein, und soviel stimmt ja: Es handelt sich immer um irgendeine Art von Bestand.
Zutreffender Kommentar in der Gruppe, nur die Begründung ist etwas ängstlich. Das ist wieder mal der gar nicht so seltene Fall, dass eine 'korrekte' Rechtschreibung zu einer falschen Aussprache bzw. dazu führt, dass man ein Wort erst gar nicht erkennt. Wir hatten das schonmal mit Kaventsmann, du erinnerst dich? Ich würde dieser Missgeburt von 'abgespact' bestenfalls eine Kommentarzeile gönnen. Ich hab das aber diesmal nicht recherchiert, für mich ist klar, 'abgespact', das geht gar nicht, egal was irgendwelche Rechtschreibfürsten dazu sagen.

Den Verweis von Julian hatte ich erst nachträglich gesehen. Da hat der Duden ja mal echt einen Vogel abgeschossen: 'Auch wenn ein irritierendes Schriftbild entsteht', wird 'der Einfachheit halber nach einem strikten Schema verfahren'. Da wir in Deutschland leben, dürfte das Befolgen widersinniger Regeln kein Problem sein, Hauptsache sie werden beachtet!? Nee, zum Glück und zu Recht entscheiden sich viele dagegen und für ihren gesunden Menschenverstand, und googleseidank lässt sich das inzwischen auch belegen. Dann stimmen wir mal alle schön weiter mit den Füßen ab, irgendwann wird die Dudenredaktion dann nachgeben müssen.

Solange Deutsch nicht nach konsistenten Regeln mit einer Eins-zu-eins-Entsprechung von Aussprache und Schrift geschrieben wird, wird es solche Verrücktheiten geben. Das ist gerade beim Import von Wörtern aus dem Englischen fatal, denn die englischen Verschriftlichungsregeln sind noch weitaus willkürlicher als die deutschen.
Ich hatte 'nur auf den eigenen Vorteil bedacht' aus der Gruppe https://www.openthesaurus.de/synonyme/edit/14415 = aalglatt, prinzipienlos, ohne Rückgrat, stromlinienförmig ... rausgenommen, das war vielleicht etwas vorschnell. Meine Idee dabei war, dass in dieser Gruppe mehr das wechselhafte, wetterwendische, instabile, prinzipienlose Verhalten betont werden soll, wobei der Eigennutz ein (möglicherweise unterstelltes) Motiv darstellt, was mehr bei 'egoistisch' anzusiedeln wäre. das lässt sich aber nicht vollständig und sauber voneinander trennen. Trotzdem hab ich erst mal nur gesehen, dass 'nur auf den eigenen Vorteil bedacht' irgendwie besser zu 'berechnend' passt. Die beiden hängen aber eng zusammen. Welchen 'semantischen Kern' man jeweils in einer Gruppe erkennt, das liegt wohl tatsächlich im Auge des Betrachters, wie es - ich glaube - Julian von Heyl es mal ausdrückte, in einem anderen Zusammenhang. Da gibt es keine endgültige Lösung.

Was 'schleimig' angeht, das hat für mich noch einmal eine andere Note und geht mehr in die Richtung 'liebedienerisch', 'jemandem zu Gefallen', 'kratzfüßig', 'herumscharwenzeln', 'das sagen, was jemand hören will', da gibt's eine ganz gute Gruppe, wie ich finde, das fände ich als Assoziation besser.
In die Gruppe https://www.openthesaurus.de/synonyme/edit/18299 wurde der 'Sollbestand' aufgenommen. Das ist nicht korrekt: Der Sollbestand ist der Bestand, der laut (elektronischer oder anderer) Fortschreibung der Lagerbuchführung vorhanden sein sollte, der Istbestand ist das, was laut (körperlicher) Inventur tatsächlich vorhanden ist. Die Differenz ist 'Schwund'. Die Begriffe sind allesamt mehr oder weniger fachsprachlich, können natürlich auch in andere Bereiche übertragen werden.

Es gibt - ähnlich 'Sollstärke' - noch eine zweite Bedeutung, nämlich den vorgeschriebenen oder geplanten Bestand, z.B. als eiserne Reserve oder Mindestbestand.
Hier noch was Vergleichbares: Taschentuch, Papiertaschentuch, Stofftaschentuch https://www.openthesaurus.de/synonyme/edit/10362.
Find ich persönlich grundsätzlich okay, aber die fehlende Graduierungsmöglichkeit (stark abwertend) oder Unmöglichkeit einer Alternativ-Setzung (entweder regional, oder veraltet) oder anderer Abstufungen ist vielleicht nicht hier, aber in anderen Fällen oft genug ein Manko.

Da wäre z.B. 'Weib' in derselben Gruppe, einerseits altertümelnd, in der Umgangssprache oft mehr oder weniger abwertend, aber auch emphatisch aufwertend, und zwar eins davon, also nicht abwertend und aufwertend zugleich (naja, wer weiß, als 'Mama-und-Hure'-Männerphantasie vielleicht doch). Was den abwertenden Charakter angeht, der schwingt schon lange in dem Wort 'Weib' mit, und sei es nur als männliche Überheblichkeit gegenüber allen möglichen angeblich negativen Eigenheiten der Frauen, z.B. Schwatzhaftigkeit (heute: Kommunikationsstärke) oder 'nah am Wasser gebaut habend' (heute: empathisch und sich ihrer Gefühle nicht schämend). Noch sehr lange hatten Männer, pauschal gesagt, eine durch Recht und Tradition abgesicherte und als naturgegeben empfundene bevorzugte Position gegenüber den Frauen, sie hatten ein Züchtigungsrecht und eine Art Vormundschaft über ihre Ehefrauen. Auf der Grundlage dieses Selbstverständnisses ist eine nicht-abwertende Haltung gegenüber dem 'schwachen Geschlecht' praktisch unmöglich. All dies, was das Frau-Sein im Männerbewusstsein in negativer Weise auszeichnet, verbindet sich heute leichter mit dem Wort 'Weib'. Das differenziert in OT aufzufangen und abzubilden wäre wohl eine Überforderung.
Tja, das alte Problem der funktionalen Analogie. Der Fall tritt nicht selten auf, u.a. bei Bundeskanzler / Bundeskanzlerin, oder z.B. bei den verschiedenen Wörtern für 'Neuling' (https://www.openthesaurus.de/synonyme/neuling), die jeweils in speziellen Kontexten funktionieren, die man aber teilweise auch in verschiedenen Gruppen unterbringen könnte, denn eine Debütantin am Theater ist nun mal nicht dasselbe wie eine Novizin im Kloster oder ein Newbie in einem Internetforum.

Ich hatte mal angefangen, sowas zu sammeln, in https://www.openthesaurus.de/jforum/posts/list/279.page, leider ist da noch nicht so viel zusammengekommen.

Ich könnte mir vorstellen, beugen + flektieren als Oberbegriffe, konjugieren und deklinieren jeweils Unterbegriff. Ich selbst mag aber einerseits solche Mini-Schublädchen nicht und auch nicht die Wunschvorstellung, lebendige Sprache mir ihren vielen Ungenauigkeiten und Inkorrektheiten in wissenschaftlich konzipierte Begriffshierarchien hineinpferchen zu können. Um in nicht-wissenschaftlicher Sprache mit Ober- und Unterbegriffen zu hantieren braucht es sehr viel Kompromissbereitschaft und eine große Portion Nicht-alles-auf-die-Goldwaage-legen-wollen, nämlich mindestens so viel davon, dass der Unterschied zwischen konjugieren (Verb) und deklinieren (andere Wortarten) vernachlässigbar wird - und eben das wäre ja die oft genug praktizierte zweite Möglichkeit, nämlich in Klammern angefügte Erläuterungen.

Metaphorisch scheint der Unterschied übrigens keine Rolle zu spielen: Man kann etwas von A bis Z 'durchkonjugieren' oder 'durchdeklinieren', für beide Wörter gibt's ne ähnliche google-Trefferzahl. Ich erinnere mich an meinen Latein-Unterricht, da haben wir beides weidlich betrieben, auch die ganze Klasse im Chor, und mit dem rechten Unterarm wurde dazu auf den betonten Silben der Takt geschlagen: amó, amás, amát, amámus, amátis, amánt. Oh je, war ich schlecht in Latein...
So etwas gibt es gelegentlich. Gerade eingetragen:

- um diese Zeit ('diese' betont): Um *diese* Zeit lieg ich längst im Bett.
- um die Zeit ('die' betont): Um *die* Zeit ist hier kaum noch jemand auf der Straße.
- so früh am Tag
- so spät am Tag
- so spät noch

Den inhaltlichen Zusammenhalt der Gruppe bildet der anaphorische Rückverweis auf eine (Uhr-) Zeit: Sie wird noch einmal wieder aufgenommen, zuvor war bereits von ihr gesprochen worden: Ruf mich an, aber bitte nicht nach 10, um *die* Zeit bin ich nicht mehr zu sprechen. Zweiter Punkt ist eine Art emotionale Bekräftigung und Verwunderung-Irritation-Hervorhebung (*so* früh/spät doch nicht!), getragen von Betonung (Satzmelodie) und Wortwahl, die gewissermaßen ein Mit-dem-Finger-drauf-Zeigen bedeutet wie das 'so' in 'so nicht!'

Träger des Verweises sind die Demonstrativa 'diese' und 'die' und das (Zeige-) Wort 'so'.

Ich kommentiere das hier, weil 'so früh am Tag' und 'so spät am Tag' in einer Gruppe stehen, was jeder synonymischen Intuition widerspricht, aber beides kann 'synonymisiert' werden durch 'um die(se) Zeit'. Solche Fälle kommen öfter vor, vor allem bei Verweisen, denn durch ein Verweiswort wie ein Demonstrativum kann alles mögliche referenziert werden.

Ich weiß nicht, ob hier zwei Gruppen sinnvoller wären oder ob durch Kommentierung verdeutlicht werden kann, um welchen inhaltlichen Zusammenhang es in dieser Gruppe geht.

In gewisser Weise geht es hier um den Überschneidungsbereich von 'schon' und 'noch'.
'hauptsächlich benutzte Form' ist sehr lang und auch nicht so ganz zutreffend - bei der Suche nach einem Titelstichwort suche ich eine Art Neutralform, welche die ganze Gruppe abgedeckt. Oft gibt es das nicht, weil die Gruppe zu disparat ist. Manchmal muss die erst noch hinzugesetzt werden. Das ist aber nicht die hauptsächlich benutzte Variante, hauptsächlich benutzt ist alles, was mündlich ist, du nennst das 'umgangssprachlich'.

Also ich merke bei mir einen ziemlichen Widerstand gegen die Formulierung 'hauptsächlich benutzt'. Das trifft im Einzelfall zu, zum Beispiel bei 'Kombi', aber bei Großgruppen passt das nicht. Zum Beispiel in der Gruppe https://www.openthesaurus.de/synonyme/edit/21720, da ist dieses 'nicht mängelfrei' quasi ein Kunstwort, das niemand wirklich benutzt, alle anderen aber schon, nur: dieses 'nicht mängelfrei' trifft auch auf alle anderen zu, ist aber total steril, neutral eben.

In der Kurzform nennt sich das 'Hauptform', schon besser. Es soll ja sowas sein wie das Kernwort der Gruppe, das alle wichtigen Seme in sich bündelt. Zentralwort wäre besser, hört sich aber doof an. Vielleicht findet man nochmal was richtig Gutes. 'Bedeutungskern' passt als Formulierung auch nicht, aber kommt dem nahe, was ich mit diesem 'Lemma' im Sinn hatte: In dieser Gruppe finden sich Wörter, die mit dem Titelstichwort xyz mehr oder weniger synonym sind.

'Lemma' ist glaube ich das 'Ausgangswort' eines lexikalischen Artikels. Die Gruppen haben halt immer irgendein Wort am Anfang, und als Lexikonleser lese ich die Gruppen als Artikel und das erste Wort als Lemma. Sollte ein Arbeitstitel sein, vielleicht kommen die ja mal irgendwann nach vorne.

Manchmal hab ich zwei 'Hauptformen' genommen, zum Beispiel bei 'rennen'/'laufen', die sich in einem bestimmten Bereich überschneiden, von denen aber keins gegenüber dem anderen vorrangig wäre.

'Hauptform' ist übrigens insofern irreleitend, als es ja nicht um Formen (Morphologie) geht, sondern um Inhalt, Semantik, Seme und insofern um semtragende Wörter, die mal mehr mal weniger von dem Gesamtinhalt einer Gruppe transportieren und ggf. zusätzliche inhaltliche Nuancen oder Verwendungsoptionen tragen.

.....

Diese 'Hauptform' setzt ja ein Thema, funktioniert wie eine Überschrift, kann als Kriterium fungieren, um über die Zugehörigkeit zur Gruppe zu entscheiden. Ist auch eine Art 'Ausgangswort', um noch mehr zu finden.
gut. Ich nehm 'Lemma', okay?
Die 'Bäckerei' in OT kennt auch die 'Backstube', sogar das 'Backhaus', alles Orte, an denen gebacken wird, insofern okay, aber großzügig synonymisiert.

Auf die Frage 'wo hast du das her?' könnte jemand antworten 'aus der Bäckerei' oder 'vom Bäcker'.

Auf die Frage 'wo gibt es sowas zu kaufen?' könnte die Antwort sein 'in der Bäckerei' oder 'beim Bäcker'.

Das alles extra als Synonyme eintragen? Und dann genauso mit 'Lebensmittelladen', 'Schuhgeschäft', 'Buchladen', 'Supermarkt', 'Markthalle' usw.?

Wo wir gerade dabei sind: Eine Bäckerei hat mindestens ein Backstube. Was in der Umgangssprache 'Bäckerei' genannt wird, ist aber meistens der Verkaufsraum. Oft ist eine Backstube angeschlossen. Da wird dann entweder richtig Teig gemacht und gebacken oder es werden Teiglinge aufgebacken. In den meisten sog. Bäckereien und auch hinter den Brottheken steht so ein großer Aufbackautomat. In den Großbäckereien wird nur gebacken, vermutlich industriell. Was sich hinter den Selbstbedienungklappen der Schnellbäckereien abspielt, kann man erahnen, da wird wohl auch kräftig aufgebacken. Viel Vergnügen dabei, dieses krause Durcheinander und die Übergänge der verschiedenen Betriebsformen in die Ober-/Unterbegriffshierarchie von OT zu quetschen.

À propos '...geschäft', '...laden', '...handlung' und '...handel': ...laden scheint mir das für meine Gegend - Ruhrpott - umgangssprachlichere zu sein. '...handel' bezeichnet eigentlich eher die Branche (Lebensmitteleinzelhandel), aber für manche Waren auch ein Geschäft, z.B. 'Autoteilehandel', da scheint es mir aber ein Verlegenheitswort zu sein, weil sich aus der Menge der möglichen Bildungen (Autoteilegeschäft, Autoteileladen, Autoteilehandlung, Autoteilehandel) nichts als Normalbezeichnung heraushebt. In der Bedeutung von 'Geschäft' ist es im Grundsatz zählbar (ich habe das in einem Autoteilehandel gekauft), aber nicht mehrzahlfähig (in meiner Straße gibt es zwei *Autoteilehändel), da muss es dann '...handlungen' heißen. Wer weiß, was es noch zu entdecken gäbe, wenn man mal eine große Zahl von Kombinationen durchgehen würde... Die Frage wäre außerdem, ob man diese Wörter als (zweiten) Teil von zusammengesetzten Hauptwörtern noch einmal extra aufnehmen sollte, weil Wortzusammensetzungen im Deutschen allgegenwärtig sind und mit einem gewissen Recht der Syntax zuzuordnen wären. Angesichts der Wichtigkeit des Handels in unserer Wirtschaftsordnung würde ich hier sagen: ja.
Nein nein, sehe ich genauso, man kann nicht alles taggen, was einem so auffällt, ganz klar.
Hier sieht man recht deutlich unser beider verschiedene Perspektiven. Ich hab immer Personen im Auge gehabt bei der Zusammenstellung der Gruppe, du sprichst von (nicht willentlich eeinflussbaren) Körperreaktionen bzw. von den 'Märkten', dein letztes Beispiel verstehe ich ohne Kontext nicht so richtig. Was ich da geschrieben hatte, war an dieser Stelle vielleicht übertrieben, aber ich denke, es gibt sowas wie das Gegenteil von 'emotional' im sprachlichen Ausdruck. Z.B. 'du bist mir vielleicht ne Flocke' wäre emotional und würde ohne emotionale Betonung nicht funktionieren, hingegen 'es kam mehrfach zur Penetration' im Polizeiberericht wäre entemotionalisiert bis hin zur Verweigerung natürlicher Anteilnahme. Ebenso wie manche Wörter fast nur aus Emotionalität bestehen ('wie süüüß') gibt es auch das Gegenteil. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass du überhaupt nicht verstanden hattest, was ich gemeint hatte. Das Beispiel ist wohl nicht optimal. Ich hatte ja in den letzten Postings mehrfach anklingen lassen, das ein betont auf Sachlichkeit getrimmtes OT einen großen Teil der Sprache nicht adäquat erfasst.

Und natürlich: Kein Wort funktioniert kontextfrei. Da wurde jemand von einem Kollegen gekränkt und er verließ türenknallend den Raum. Der Chef will wissen, was los war, und der Kollege berichtet: 'Ich hab ihn gefragt, warum er gestern das Angebot für die Meyer KG nicht fertig gemacht hatte. Okay, er ist nicht der Schnellste und er hatte auch ein wichtiges Date, sagt er. Jedenfalls, als ich ihn das in neutralem Ton gefragt hatte, kam es bei im wohl zu einer Überreaktion.' Er hätte auch sagen können '... da ist bei dem gleich wieder ne Sicherung durchgebrannt.' (Dazu muss man wissen, der in Wut geratene Kollege sitzt häufig abends noch im Büro, während der andere sich einen schönen Fernsehfußballabend macht.) Eine solche Charakterisierung als 'Überreaktion' ist ziemlich perfide, weil sie den Gefühlsanteil des Charakterisierenden nicht offen zutage treten lässt, er hat quasi den weißen Kittel an und beobachtet 'neutral' die Reaktion des Probanden. Man kann mit solchen Nuancierungen einiges erreichen, auf der Handlungsebene. Aus dem Kontext herausgelöst sagt das Wort 'Überreaktion' in der Tat nichts außer 'entspricht nicht dem üblichen Verständnis eines normalen Verhaltens'.
 
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